Die Vision von der „Smart City“ - Die Ben-Gurion-Universität in Beerscheba kooperiert mit der Deutschen Telekom auf dem Gebiet der Cybersicherheit

Campus Ben Gurion University - © Dani Machlis (Ben Gurion University)

Die 1969 gegründete Ben-Gurion-Universität verbindet wissenschaftliche Extreme: Bibelwissenschaftler fühlen sich dort ebenso zu Hause wie Nanophysiker, Softwareingenieure oder Wüstenforscher. Entsprechend vielfältig sind die Kooperationen mit deutschen Partnern. Unterstützt wird die Zusammenarbeit unter anderem von der German-Israeli Foundation for Scientific Research and Development (GIF) und der Industrie.

Autorin: Ulla Thiede

Gunnar Lehmann beschäftigt sich hauptberuflich mit der Vergangenheit. Mit Spitzkelle, Pinsel und Stukkateureisen arbeitet er sich mit seinen Studenten in israelischer Erde voran, legt Schicht um Schicht die Spuren kanaanitischer, jüdischer, ägyptischer Besiedlung frei. Lehmann ist leitender Archäologe an der Ben-Gurion-Universität (BGU) in Beerscheba. In den Ausgrabungsstätten liegen die Zeugnisse von Besiedlung und Aufbau, von Krieg, Zerstörung und abermaliger Bautätigkeit. Tausende Jahre Menschheitsgeschichte.

Der Nahost-Konflikt bringt es mit sich, dass auch Wissenschaftler zwischen die Fronten geraten. „Archäologen, die in Israel arbeiten, erhalten von den arabischen Ländern keine Erlaubnis, dort zu graben“, berichtet Lehmann. Weil der gebürtige Deutsche anderthalb Jahre in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geforscht hatte, sind ihm seitdem Irak und Syrien versperrt. So entschied sich der Fachmann für biblische Archäologie, seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz nach Israel zu verlegen. Heute leitet er das archäologische Seminar der Universität, hält aber weiterhin engen Kontakt zu deutschen Kollegen.

Der Beginn der deutsch-israelischen Wissenschaftszusammenarbeit reicht weit in die Zeit vor Gründung der BGU im Jahr 1969 zurück. Die Wissenschaftshistorikerin Ute Deichmann hat sich mit den tastenden Anfängen dieser Kooperation beschäftigt, als es noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten gab. Sie weiß um die heftigen Diskussionen, die Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre im Land der Holocaust-Opfer geführt wurden. Viele Israelis stritten, ob es nicht viel zu früh für Kontakte mit deutschen Forschern sei, die sich weigerten, Rechenschaft über ihre Rolle im nationalsozialistischen Deutschland abzulegen.

Wie in der breiten Bevölkerung wollten auch viele Wissenschaftler plötzlich alle Nazi-Gegner gewesen sein. Die Wirklichkeit sah anders aus. „Da wurden viele Mythen gestrickt“, erklärt Deichmann. Dennoch sei die wissenschaftliche Zusammenarbeit über die Jahrzehnte ein „großer Erfolg“ geworden, lautet ihr Fazit: Positiv für die Wissenschaft, die Forscher und für die Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Die deutsche Historikerin hat an der BGU 2007 das Jacques-Loeb-Zentrum für die Geschichte und Philosophie der Lebenswissenschaften gegründet. Regelmäßig veranstaltet sie internationale Konferenzen mit Biologen, Historikern und Philosophen, zuletzt im Mai zum Thema Infektionskrankheiten. Die Minerva-Stiftung, eine Tochter der Max-Planck-Gesellschaft, finanzierte Deichmann ein Gentner-Symposium. Diese Treffen, die abwechselnd in Deutschland und Israel stattfinden und mit bis zu 30.000 Euro bezuschusst werden, widmen sich neuen Fragestellungen, die noch nicht im Fokus der Wissenschaftszusammenarbeit stehen.

Der Namensgeber der BGU ist Israels erster Ministerpräsident David Ben-Gurion, der mit der Hochschule Impulse für die Entwicklung der Negev-Wüste setzen wollte. Beerscheba ist die größte Stadt im dünn besiedelten Süden des Landes. An der Hochschule mit ihren fünf Fakultäten sind über 20.000 Studenten eingeschrieben. Einige führende Institute sind der BGU angegliedert: das Nationale Institut für Biotechnologie, das Ilse-Katz-Institut für Nanowissenschaften und das Jacob-Blaustein-Institut für Wüstenforschung. Seit 2006 findet alle zwei Jahre eine Wüstenkonferenz unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen auf dem BGU-Campus in Sede Boker statt.

Direkt anschließend an den Marcus-Campus in Beerscheba entsteht eine neue Stadt in der Stadt: der Gav Yam Advanced Technology Park (ATP). Dort dreht sich alles um die Cyberwelten der Zukunft. Eine der spannendsten Gründungen ist die von CyberSpark, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die die Entwicklung einer Cyber-Landschaft unterstützt, die Forschungseinrichtungen, Industriepartner und das Nationale Cyber-Büro Israels miteinander verbindet. Außerdem soll CyberSpark die Internet- und Datenforschungen aus der Negev weltweit vermarkten. In der Vision des Chefs von CyberSpark Roni Zehavi wird Beerscheba die erste „Smart City“ Israels: „Für die digitale Vernetzung ist das hier eine Goldmine, denn wir können alles ausprobieren.“

Einer der ersten Mieter im Industriepark war die Deutsche Telekom AG (DTAG) mit ihren Telekom Innovation Laboratories, die sie seit 2006 mit der BGU zusammen betreibt. Die Rechte sind so verteilt, dass die Universität die Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen verwenden darf, während die DTAG Mitinhaber der jeweiligen Patente ist. Rund 100 Forscher der BGU arbeiten bei den T-Labs@BGU, es geht um Smart-Data-Analytics und Datensicherheit. Ein Projekt nennt sich „Honeypots“. Mit so genannten Honigtöpfen können zum Beispiel Computer- und Netzangriffe bewusst angelockt werden und dann sicher beobachtet und analysiert werden.

„Da die Telekommunikationsbranche mit so marktverändernden Technologien arbeitet, müssen wir über den normalen Wirtschaftszyklus von drei Jahren hinausdenken“, erklärt Klaus Jürgen Buß, stellvertretender Leiter der T-Labs, die es außerhalb von Deutschland nur in Israel und im kalifornischen Silicon Valley gibt. „Gerade Netzbetreiber können sich nur den Herausforderungen stellen, wenn sie eine Idee davon haben, was in sieben oder acht Jahren passieren wird“, fügt er hinzu.

Der ATP ist ein Gemeinschaftsprojekt von BGU, israelischem Staat, der Kommune Beerscheba und der Wirtschaft. Eines Tages sollen dort 15.000 Menschen arbeiten. „In dieser Größenordnung gibt es nichts Vergleichbares weltweit“, sagt Buß. Dass ausgerechnet in Israel ein solcher Park entsteht, erklärt er mit der Sicherheitsorientierung des jüdischen Staates: „Israel hat die Cybersicherheit schon früh als globales Sicherheitsthema erkannt und aufgenommen.“

Neben der Privatwirtschaft unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Kooperationen. Die Mittel vergibt dabei nicht nur die bereits erwähnte Minerva-Stiftung, sondern etwa auch die Deutsch-Israelische Stiftung für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF). Sie wurde 1986 gegründet und verfügt über ein Stiftungskapital von 211 Millionen Euro, das beide Länder zu gleichen Teilen tragen. Bis heute hat die GIF über tausend bilaterale Forschungsprojekte unterstützt.

Eine der dreißig jährlich bewilligten GIF-Kooperationen leitet der Archäologe Lehmann. Forschungspartnerin ist die Theologin und Assyriologin Angelika Berlejung von der Universität Leipzig. Sie erforschen anhand der Geschichte von Aschdod-ad-Chalom die assyrische Provinzverwaltung im 8. und 7. Jahrhundert vor der Zeitrechnung, als Ägypten und Assyrien Großmächte in der Levante waren und Juden und Israeliten ins Exil trieben, wie Lehmann erklärt. Maximal 200.000 Euro vergibt die GIF über einen dreijährigen Zeitraum.

Mehrere Gebäude tragen an der BGU einen deutschen Namen: Deichmann. Sie erinnern damit an Heinz-Horst Deichmann und seine Frau Ruth. Der 2014 gestorbene Leiter der Schuhhandelskette hat in Beerscheba mehrere Lehrstühle und Gebäude gespendet. Die Verbindung erwuchs aus einer Bekanntschaft mit einem Holocaust-Überlebenden. „Mein Vater hatte viele Freundschaften auch hier auf dem Campus“, erklärt die Historikerin Ute Deichmann. Mit ihrem Mann, einem israelischen Cellisten, hat sie vor sechs Jahren einen Kammermusikkurs an der Universität eingerichtet. Die Studenten spielen Bach, Mozart, Haydn und Brahms – ein weiteres Beispiel, wie vielfältig die deutsch-israelischen Kooperationen sein können.