Beruf: Solarenergiesystem-Installateur

Im Rahmen einer Projektteam-Kooperation entwickeln deutsche und israelische Technikdidaktik-Experten neue Lerninhalte für Ausbildungsberufe im Feld der erneuerbaren Energien.

Autor: Ralf Grötker, Journalistenbüro Schnittstelle

Universitätsstudiengänge in Deutschland bieten knapp 250 verschiedene Lehrveranstaltungen, Kurse und Module zum Thema Solarenergie und Energieeffizienz an – so das Resultat einer jüngeren Erhebung. Facharbeiter, die praktisch mit der Installation von Solar- und Umwelttechnik befasst sind, profitieren davon jedoch wenig. Die meisten von ihnen besuchen keine Universität, sondern absolvieren eine Lehre. Spezielle Ausbildungen für Berufe, die sich auf ‚grüne Energie‘ spezialisiert haben, sucht man vergebens – trotz der immensen Nachfrage. Diese Ausgangssituation begriff eine Projektkooperation zwischen israelischen und deutschen Berufsbildungsexperten als Herausforderung. Der Titel ihres Vorhabens: „Competence-based education and training in the field of solar energy and energy efficency“.

Zusammenarbeit in der Berufsbildung: Das Programm

Deutsch-israelische Projektteamkooperationen werden seit 1999 innerhalb des Programms zur Deutsch-Israelischen Zusammenarbeit in der Berufsbildung durchgeführt. Das 1969 gegründete Programm wird von dem israelischen Ministerium für Wirtschaft und Industrie und dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) betrieben. Die Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung ist seit 2013 die durchführende Stelle in Deutschland. Die Aktivitäten innerhalb des Programms sind vielfältig. Neben Projektteamkooperationen werden auch Studienreisen, Seminare, Konferenzen, und Austauschprogramme für Auszubildende gefördert. Auf diese Weise können Akteure der beruflichen Bildung und Auszubildende die länderspezifischen Systeme und Realitäten bei den Gastgebern kennenlernen und innovative Ansätze in der Berufsbildung erproben.

Der didaktische Ansatz

Das Team, von der deutschen Seite geleitet von Waldemar Bauer, Professor für Didaktik der Technik an der Universität Erfurt, wollte gemeinsam Lerneinheiten entwickeln, die auf der Höhe der Zeit sind, was didaktische Standards betrifft, und die sich in die europaweit vereinbarten Standards für berufliche Bildung einfügen. Europaweite Standards: Das sind beispielsweise das European Qualifications Framework (EQF) oder das European Credit System for Vocational Education and Training (ECVET). Leitprinzip für die Entwicklung von Lerninhalten im Rahmen des Projekts war das Kompetenzorientierte Lernen. Kompetenzorientiertes Lernen ist mehr als nur ein Schlagwort oder, wie Kritiker gern bemängeln, ein inhaltsleeres Konzept zur Vermittlung von fachlicher Fitness. Wovon sich das kompetenzorientierte Lernen tatsächlich verabschiedet, ist das traditionelle Curriculum mit seiner Hierarchie des Wissens, welche mit der Grundlagenforschung an der Spitze beginnt und dann absteigt erst zur angewandten Wissenschaft und dann zum technischen Know-how auf Ausführungsebene.

Kompetenzorientiertes Lernen beschreitet genau den gegenteiligen Weg: Es beginnt mit einer akribischen Analyse der tatsächlichen Erfordernisse auf Ausführungsebene.

Begonnen wurde mit Feldstudien: Beobachtungen in konkreten beruflichen Situationen, um herauszufinden, welche Herausforderungen sich im Joballtag verschiedener ‚grüner Berufe‘ tatsächlich stellen. Diese wurden parallel in Israel und in Deutschland durchgeführt. Die nächsten beiden Schritte waren erst die Entwicklung von zusammenhängenden Lerneinheiten (Modulen), zugeschnitten auf die in den Feldstudien ermittelten Kompetenzfelder, dann die konkrete Ausarbeitung der Module in Form von arrangierten Lernsituationen.

Beispiel: Solarenergiesystem-Installateur

Ein Beispiel: Eine von mehr als zwölf Berufssituationen, die sich die Projektteams in Deutschland und Israel genauer angeschaut haben, war die der Installation von Solarenergie-Systemen. Bezogen auf die konkrete Situation, wurden etwa ein Dutzend verschiedener Einzelaufgaben identifiziert – begonnen mit der Bedarfsermittlung, über die Bauplanung bis zu den verschiedenen Schritten der Installation und der Wartung. Als nächstes wurden die Einzelaufgaben auf notwendige Kompetenzen hin analysiert. Für die Aufgabe „Bedarfsermittlung“ beispielsweise waren das unter anderem Kommunikationskompetenzen im Dialog mit dem Kunden; Know-how zur Analyse des Energieverbrauch des Haushaltes; Wissen über lokale klimatische Bedingungen; die Berücksichtigung von Besonderheiten der Dachkonstruktion und die Auswahl passender Fabrikate unter Berücksichtigung der Konfiguration des Systems. Soweit die Kompetenzfelder.

„Zur Entwicklung erst von Modulen und dann Lernsituationen, die den ermittelten Kompetenzen entsprechen, haben wir neben Berufsbildungs-Experten auch Arbeiter und Unternehmer zusammen gebracht“, erklärt Eli Eisenberg, der als Head of Administration for R&D and Training am ORT-Schools Network in Tel-Aviv das Projekt auf israelischer Seite federführend betreute.
Kommunikationskompetenzen zum Beispiel wurden auf diese Weise heruntergebrochen in Anforderungen an Fachwissen (zum Beispiel zur Funktion und Komponenten von Solarenergie-Systemen oder zu grundlegenden Prinzipien in der Kundenkommunikation), Fertigkeiten (wie: Durchführung professioneller Ortsbegehungen; Bedienung von Software für Berechnungen und Simulationen), und Kompetenzen (unter anderem: Entscheidungsfindung auf Basis der ermittelten Informationen; aktives Zuhören im Dialog mit dem Kunden). All dies wiederum galt es anschließend in konkrete Lernsituationen zu übersetzen – das heißt, in einen durchstrukturierten Ablauf von Trainingsaufgaben in verschiedenen Aktions- und Interaktionsformaten.

Auf Evaluierbarkeit hin geplant

„Eine Besonderheit unseres Ansatz ist: Wir haben uns sehr frühzeitig Gedanken darüber gemacht, wie die Lerneinheiten am Ende evaluiert werden können“, berichtet Eli Eisenberg. Normalerweise steht die Evaluation an letzter Stelle – mit der bekannten Schwierigkeit, dass vieles, was mit einem Lernprogramm intendiert wird, sich am Ende gar nicht einwandfrei evaluieren lässt. Eisenberg: „Bei uns war es so, dass wir uns bereits bei der Entwicklung der Lerneinheiten gefragt haben, was die Parameter sein könnten, anhand derer wir den Erfolg oder Misserfolg unserer neuen Materialien messen können. Die Ansprüche in Bezug auf Fachwissen, Fertigkeiten und Kompetenzen haben wir nicht nur mit Blick auf die Erfordernisse im Berufsalltag, sondern auch ganz konkret auf spätere Evaluierbarkeit zu definieren versucht.“

In der Praxis

So eindrucksvoll das Projekt „Competence-based education and training in the field of solar energy and energy efficency“ den state of the art in der Didaktik der beruflichen Bildung zu Geltung bringt – bis zur tatsächlichen Implementierung der Resultate ist es immer noch ein weiter Weg. In Israel wurden Lerninhalte von der ORT Ormat Vocational School in Yavne übernommen, berichtet Eisenberg. In Deutschland wurden einige ausgewählte Lernsituationen an einer Berufsschule erprobt.

Was die Beteiligten an der Kooperation am meisten beeindruckt hat? „Mich hat das das deutsche duale System in der Berufsbildung beeindruckt“, meint Eli Eisenberg. „Und dann die Stadt Freiburg, wo einer unserer Workshops stattfand. Wie die ganze Stadt nach dem Leitbild der grünen Energie neu gestaltet wird. Das ist meiner Ansicht nach auch eine Sache der Kultur, nicht nur der Technik.“ Eisenberg reist dieser Tage erneut nach Freiburg – privat. Die Kontakte, die er während des Projekts geknüpft hat, sind dauerhaft.